Besprechung
der Studie

ABEL, J. (2001). Motive für Kurswahlen in der gymnasialen Oberstufe und Studienfachwahlen. Sozialwissenschaftliche Forschungsdokumentationen 13. Münster, Institut für sozialwissenschaftliche Forschung. ISBN 3-926083-22-0. Preis 25,05 €.

in Süddeutsche Zeitung vom 17.7.2001 (Auszug)

Abiturienten - fleißiger als vermutet

Eine Studie räumt mit dem Vorurteil auf, Schüler wählten ihre Leistungskurse nur aus Gründen der Bequemlichkeit.

Zu doof für ein Studium, aber raffiniert genug, sich im Kurssystem der Oberstufe den einfachsten Weg zum Abitur zu suchen: Bildungspolitiker und Hochschulvertreter zeichnen seit Jahren ein wenig schmeichelhaftes Bild vom deutschen Abiturienten. Mangelnde Studierfähigkeit lautet oft die Diagnose. Durch Diskussionen spukt der Schüler, der sich mit Sport, Religion und Politik sein Abi-light erschleicht.

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In der am Institut für sozialwissenschaftliche Forschung in Münster veröffentlichten Studie lässt Abel keinen Zweifel daran, dass er die meisten Einwände gegen die heutige Oberstufe für falsch hält. "Die meisten Kritiken basieren kaum auf empirischen Befunden", stellt Abel fest und zeichnet auf 51 Seiten ein anderes Bild vom Abiturienten.

Punkte sind zweitrangig

So erklärten fast neun von zehn Befragten, sie hätten ihre Leistungskurse nach Interesse an Inhalten und persönliche Stärken ausgewählt. "Die Schülerinnen und Schüler probieren in den Kursen das aus, was sie gut können und worin sie sich eine Kompetenzsteigerung erhoffen." Nur jeder zweite gab an, das leichte Sammeln von Punkten habe eine Rolle gespielt. ...

Auch die Kritik, Studierende hätten mangelnde Kenntnisse in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen, lässt sich laut Abel nicht auf das Kurssystem zurückführen: Gerade diese Fächer würden fast alle Schülern belegen. Strenge Wahl- und Prüfregeln und das durch die Schülerzahl begrenzte Kursangebot machten abenteuerliche Fächerkombinationen unmöglich.

Laut Studie gibt es theoretisch nur vier Leistungskursfächer, die an jeder Schule angeboten werden: Englisch, Deutsch, Mathematik und Biologie. Geschichte, Geographie und Pädagogik biete jede zweite Schule. In Kooperation von zwei Schulen bestehe damit ein theoretisches Angebot von sieben Leistungskursen. "Von einem üppigen und unüberschaubaren Angebot für Leistungskurse kann also keine Rede sein", folgert Jürgen Abel.

Gerade mit Blick auf ein späteres Studium sei es falsch, die Wahlmöglichkeiten weiter einzuschränken, kritisiert er die Hochschulrektorenkonferenz: Wer einen festen Fächerkanon propagiere, könne nicht gleichzeitig fordern, Schul- und Studienfächer fester zu verzahnen. Dies raube den Abiturienten die Chance, ihre Interessen auszuprobieren und zu überdenken. "Wie soll Interesse an bestimmten Studienfächern aufgebaut werden, wenn ganze Bereiche - zum Beispiel Rechts- und Ingenieurwissenschaften - in der Schule nicht vorkommen?"

Frank van Bebber, © Süddeutsche Zeitung

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